Donnerstag, 8. Dezember 2016

Der Junge


- mal was anderes! Schnappt euch eine Tasse Tee und einen Teller eurer liebsten Kekse und lasst euch für ein paar Minuten in eine kleine Geschichte entführen-
(was ich noch sagen möchte ist, dass alles ausgedacht ist. Wie der Junge über Weihnachten denkt, gleicht keinesfalls meinen Gedanken über diese funkelnde Jahreszeit!)


Flüchtig sah er sich um. All das, was um ihn lag schien so kalt und brutal, dass es schon wehtat beim bloßen Betrachten. Und das obwohl er inmitten der schönsten und angeblich herzlichsten Zeit des Jahres stand.
Er sah die durch Eis verspiegelten Pfützen, die Eiszapfen an den Hausvorsprüngen und die roten Nasen der Menschen, die um ihn huschten.
Man konnte es jedem ansehen – sie waren in ihrer ganz eigenen Welt. Und dennoch glichen sich diese Welten bei den meisten fast sogar eins zu eins. Zerstreut und aufgelöst rannten sie umher, bekamen einen Hitzeschlag sobald sie in die viel zu warmen Kaufhäuser traten und erfroren für eine Sekunde, als diese Gebäude sie schließlich wieder ausspuckten.
Von Sekunde zu Sekunde erreichte sie ein neuer Gedankenblitz und wie von Sinnen flitzten sie wieder in genau die Richtung, aus der sie eben erst gekommen waren.
Gedankenverloren machte sich der Junge weiter. Wohin ihn seine Füße tragen wollten, wusste er nicht. Er bog in eine weitere Straße ab und tauchte in all die Menschenmengen. Wie in einem Fischschwarm, wurde er von den Leuten um ihn herum weiter getrieben. Vorbei an den gold geschmückten Schaufenstern und Kindern, die mit leuchtenden Augen davor standen. Die Lichter der Glühbirnen brannten schon beinahe in den Augen und der starke Geruch von gebrannten Mandeln und anderem schwerem Gebäck lag in der Luft.
Eine so klare Nacht hatten sie lange nicht mehr gehabt, dachte sich der Junge und zog den Mantel etwas enger zu.
Wie konnten alle Menschen gerade zu Weihnachtszeit so egoistisch sein, dass sie alles um sich herum vergaßen? Er wusste genau, dass ihm in diesem Punkt nur die wenigsten zustimmen würden. "In dieser Jahreszeit ist man doch am wenigsten egoistisch. Ständig ist man auf der Suche nach tollen Geschenken und nach Freuden für die Liebsten", genau das hatte er erst neulich zu hören bekommen, als mal wieder die Diskussion über seine geäußerte Meinung entfachte.
und trotz aller Einwände, sah er das anders. Wie sonst sollte man es bezeichnen, wenn alle Menschen auf einmal nur noch Augen für materielle Dinge haben und die Liebsten um sich herum total vergessen? Wie sonst sollte man es nennen, wenn alle Menschen sich versuchen einander zu übertrumpfen, indem sie das bessere und tollere und teurere Geschenk kaufen wollen?
Man konnte ihm erzählen, was man wollte, er hielt an dem Gedanken fest, dass trotz all der vermeintlichen Großherzigkeit ein Teil des Egoismus geschuldet war. 
Als er das nächste Mal in eine ruhigere Straße abbog, atmete er tief durch. Der Junge genoss die Stille. Nur einige leise Töne der Big Band, die auf dem großen Kirchenplatz die zu den Ohren heraushängenden Weihnachtslieder spielten, schwappten kaum vernehmlich zu ihm herüber.
Schritt für Schritt ging er tiefer in die dunkle Gasse. Er wusste nicht wieso, aber die Dunkelheit hatte etwas Tröstliches. Wie ein schwarzer Mantel legte sie sich um ihn und wärmte ihn auf eine Art, die niemand verstehen konnte.




Er hing tief in seinen Gedanken, sodass er gar nicht bemerkte, wie es angefangen hatte zu schneien. Frau Holle ließ mal wieder die Puppen tanzen und schüttelte ihre Kissen!
Die einzelnen Schneekristalle tanzten ihren Weg vom Himmel auf die hektische Nacht hinab und eine nach der anderen setzte sich auf seine Nase oder seine dunkelgrüne Pudelmütze.
Schnee mochte er schon immer, dachte er, als er schließlich bemerkte, was um ihn herum geschah. Denn für ihn waren Schneeflocken Kunst. Keine einzige glich der anderen, jede war einzigartig, zu vergleichen mit den Fingerabdrücken eines jeden Menschen.




Plötzlich, er hing immer noch seinen Gedanken über den Schnee nach (sich in seinen eignen Gedanken verirren, ja auch das konnte er sehr gut), als er ein erleuchtetes Schaufenster vernahm. Komisch, in dieser vereinsamten Gegend ein Geschäft aufzumachen, dachte er. Trotzdem weckte es in ihm die Neugier und er trat näher an die Auslage. Was er sah, ließ seine Augen glänzen.
Alte, in schwerem Leder eingebundene Bücher lagen auf einer roten Samtdecke ausgebreitet auf einem Regal. Um sie herum war schwungvoll eine Lichterkette mit einem warmen Licht gebunden. Am meisten stieß ihm ein besonders prunkvolles Exemplar ins Auge. Es war sehr dick und hatte einen weinroten Einband. Auf der Titelseite war ein goldenes Ornament mit vielen Verschnörkelungen abgebildet. An der Seite hatte es zudem noch ein goldenes Schloss.
Er konnte nicht anders und betrat das Geschäft. Eine leise Glocke über seinem Kopf ertönte, als er die Tür öffnete. Sofort umgab ihn der Geruch alter Bücher, schwerem Papier und Keksen.




Da er niemanden anderes im Laden entdecken konnte, strich er ein wenig umher und sah sich die weiteren Stücke, die man vom Schaufenster aus noch nicht sehen konnte, an.
Eins war prunkvoller und besonderer als das andere. Doch trotzdem konnte er nicht anders, als sich wieder dem Buch zu zuwenden, welches ihn erst in den Laden gelockt hatte.'
Er nahm es in die Hand und erschrak ein wenig, als er das Gewicht in den Händen spürte. Das Leder war weicher als gedacht und durch die Heizungsluft schön warm.
Erneut schaute er sich im Geschäft um und entdeckte einen dunkelblauen Sessel. Wie von selbst, trugen seine Füße ihn zu dem Stuhl. Das Polster gab nach, als er sich langsam setzte. Behutsam öffnete er schließlich das Buch und versank in eine ganz andere Welt.


Kuss und Schluss
Franziska <3


PS: Ich weiß nicht, wieso die Absätze unterschiedlich groß sind. Diese Technik macht mich kirre!